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"Kann man das nicht anders nennen?"

Eine Teilnehmerin eines Seminares schrieb mir als Feedback sinngemäß: "Wunderbares Seminar, sicherlich findest Du noch mehr Zulauf, wenn Du es anders nennst." Ihr gefiel der Begriff "gewaltfrei" nicht, und sie ist nicht die einzige. Tatsächlich sprach sie schon im Seminar aus, dass sie zunächst nur sehr zögerlich ihre Teilnahme zugesagt hatte. Inhaltlich war sie zwar interessiert, hatte aber Sorge, mit ihrer Teilnahme zu implizieren, dass sie physisch gewalttätig sei - warum sonst sollte sie lernen wollen, gewaltfrei zu kommunizieren? 

 

Auch Freunde von mir, insbesondere männlichen Geschlechts, reagierten mit Spott, Hohn und Witzen (die vermutlich ziemliche Unsicherheit überspielen sollten), als ich begann zu erzählen, womit ich mich beschäftige. Ob man dann nur noch freundlich, sanft und quasi mit Samthandschuhen unterwegs sein dürfe, war die Frage. Ein Alptraum für sie. Sie setzten Gewaltfreiheit mit Kraftlosigkeit gleich, damit, sich nicht wehren zu dürfen, sondern alles hinnehmen zu müssen. "Dann darf man überhaupt nicht mehr wütend sein, oder was?" Auch diese Reaktion begegnet mir häufiger.

 

Ich persönlich hatte mit dem Begriff nie allzu große Schwierigkeiten, relativ schnell kam ich ins Erleben und machte mir wenig Gedanken. Gewaltfreie Kommunikation war nur für mich erstmal nur ein Name für das, was ich tat. Doch da es mir immer wieder begegnete:

 

"Kann man das nicht anders nennen?" 

 

wurde es dann doch wichtig, mich auch selbst mit dem Begriff an sich auseinanderzusetzen.

 

Nicht überraschend war als erstes sehr schnell klar, dass diese Frage nahezu jeder gestellt bekommt, der jemand anderem auch nur von GFK erzählt. Und auch Marshall Rosenberg selbst hat diese Frage wohl weit mehr als einmal zu hören bekommen. Es gab und gibt es immer mal wieder auch Diskussionen, auch auf höchster GFK-Ebene, ob nicht ein anderer Name sinnvoller wäre, eben gerade auf Grund der häufig abschreckenden Wirkung. Einige meiner Trainerkollegen entscheiden sich auch deshalb, lieber den Begriff "Wertschätzende" oder "Verbindende" Kommunikation zu nennen. Letztendlich entschieden sich Marshall und seine Mitstreiter jedoch gegen eine Umbennung, auch weil sich die GFK unter dieser Bezeichnung einfach schon weit verbreitet hatte und bekannt war. Auch ich nutze die Bezeichnung daher so in meinen Trainings, weil ich von der Idee und der Haltung zutiefst überzeugt bin und ganz klar zeigen möchte, dass ich genau das vertrete.

 

Für mich gibt es jedoch einen weiteren, sehr guten Grund, den Namen zu behalten, und ihn in meiner Arbeit zu verwenden (auch wenn ich als Trainerin noch von keinem der beiden großen Verbände zertifiziert bin). Für mich ganz klar ist:

 

"Gewaltfreiheit" ist exakt das, was den Kern dieser Haltung benennt.

 

.Es ist eine Übersetzung des Begriffs "Ahimsa", der Gewaltlosigkeit bedeutet und den Ghandi verwendete. Und Marshall Rosenberg bezog sich auf Ghandi und seine Verwendung des Begriffs, als er ihn wählte und an ihm festhielt. Ahimsa kann auch wie folgt umschrieben werden:

 

Die Einfühlsamkeit, die sich wieder entfaltet, wenn die Gewalt im Herzen nachlässt.

 

Das klingt sehr schön, oder? Doch worum geht es dabei genau? Das möchte ich gerne im Folgenden erklären: Wenn wir in einen Konflikt geraten, wenn eines oder mehrere unserer Bedürfnisse im Mangel, unerfüllt sind, verspüren wir meistens Ärger oder Wut. Wir suchen wir dann nach einem oder etwas Schuldigem. Das kann ein Gegenüber sein, unsere Eltern, die Welt an sich, die Gesellschaft, wir selbst. In jedem Falle suchen wir uns jemanden, der unserer Meinung nach unser Leid verursacht hat, denn wir möchten unsere Wut irgendwie einsetzen, und wir haben gelernt, dass es um Schuld geht - jemand soll für unser Leid "büßen". - "Nie räumt sie mal was weg - das mit dem Kino am Wochenende kann sie sich in jedem Fall abschminken!" Auch wenn wir unseren Impulsen nicht immer folgen, was auch absolut gut so ist, wir verspüren Druck, Anspannung, Ärger, unser Blick ist eng und begrenzt, wir sehen kaum Möglichkeiten, zu handeln. Wir unterdrücken unseren Ärger dann entweder, weil wir die Konsequenzen fürchten oder handeln doch und fühlen uns hinterher nicht wohler, denn unsere aus dem Wunsch nach Strafe ausgeübten Handlungen erfüllen selten unsere ja ebenfalls vorhandenen Bedürfnisse nach Wertschätzung, Integrität, Gerechtigkeit, Augenhöhe, Respekt, Gemeinschaft oder Gegenseitigkeit.

 

Eine andere Gelegenheit, bei der wir Gewalt anwenden, ist wenn wir für die Erfüllung unserer Bedürfnisse über die anderer hinweg gehen. Weil wir ihre Bedürfnisse nicht kennen, nicht verstehen, nicht sehen können. Oder es vlt auch nicht wollen, weil wir auf Grund unserer Erfahrungen kein Vertrauen haben, dass wir und unsere Bedürfnisse gesehen werden, wenn wir sie nicht rigoros durchsetzen - "Wenn es ihnen nicht passt, ist es eben so. Hier habe ich das Sagen."

 

Wir sind also in beiden Fällen bereit, Gewalt auszuüben. Denn jemanden zu bestrafen und / oder seine Bedürfnisse in unseren Handlungen nicht zu berücksichtigen, ist Gewalt, egal, ob wir sie physisch oder psychisch ausüben. Und ich halte es für einen sehr sehr wichtigen, ersten Schritt, dass wir uns das endlich eingestehen. Wenn wir so handeln, dann üben wir Gewalt aus, gegen unser Gegenüber und gegen uns selbst. Wir haben unangenehme Gefühle, und wir verspüren die Bereitschaft, gewaltvoll zu handeln. Wir wollen bestrafen, wir wollen uns durchsetzen ohne Rücksicht - weil wir die Verbindung verloren haben zu unserer Menschlichkeit. Wir sind traurig, verletzt, wütend. Und haben nicht gelernt, damit anders umzugehen, als gewaltvoll, beschuldigend, rücksichtslos. Dieser Umgang wiederum führt aber wieder dazu, dass wir unangenehme Gefühle haben. Denn wenn wir so handeln, wird sich unser Gegenüber ziemlich sicher verletzt und traurig fühlen, evtl sogar selbst zornig werden und wiederum uns bestrafen wollen. Oder er richtet den Zorn gegen sich selbst, fühlt sich schuldig, verlässt die Verbindung. 

 

Wenn wir gewaltvoll handeln, verlieren wir den Kontakt und bezahlen so einen immens hohen Preis.

 

Und just an dieser Stelle ist sie für uns da, die GFK. Sie ermöglicht es uns, den Wunsch, gewaltvoll zu handeln, umzuwandeln. Wenn wir die Vier Schritte anwenden, und so wieder in Kontakt mit uns selbst und unserem Gegenüber kommen, verschwindet die Bereitschaft, Gewalt auszuüben

 

Plötzlich verspüren wir nicht mehr den Drang, zu bestrafen oder rücksichtslos zu sein. Wir sehen unsere Bedürfnisse, wir verstehen uns und genauso unser Gegenüber. Und dann sind wir vlt immer noch ärgerlich über die Situation selbst, wir wollen sie immer noch ändern, und unser Ärger gibt uns genau die Kraft, die wir dazu brauchen. Das ist auch die Antwort auf die Sorge meiner Freunde, dass ihnen vlt ihre Kraft genommen wird, wenn sie gewaltfrei handeln. Die Kraft geht nicht verloren, sie wird umgelenkt, weg von der Gewalt hin zu Änderung der Situation, so dass sie für alle Beteiligten annehmbar wird. Also eben nicht auf Kosten unserer Beziehungen, unserer Werte  und unserer Menschlichkeit. Wir sind offen und bereit für eine Lösung, die beide Seiten berücksichtigt. Wir denken und handeln gewaltfrei.

 

Und darum stimmt der Name "Gewaltfreie Kommunikation", genau so wie er ist. 

 

:)

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