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Vergiss beim Weitergeben die Liebe nicht ...

In meinem Elternhaus gab es Regeln. Vielleicht nicht enorm viele, aber doch ein paar. Eine von ihnen bezog sich auf das Thema Bettenmachen. Sie lautete: Die Betten werden gemacht. Morgens. Immer. Kissen gerade hinlegen, Decke einmal ordentlich falten und gerade hinlegen. Fertig. Begründung (jedenfalls die einzige, an die ich mich erinnern kann): Das gehört sich so. 

 

Ich habe mit dem Bettenmachen an dem Tag aufgehört, an dem ich ausgezogen bin. Mit einem bleibenden Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit habe ich 19 Jahre lang mein Bett und irgendwann auch die Betten meiner Kinder nicht gemacht. Ich habe die Decken aufgeschüttelt und auch aufgeschlagen, immer jedoch mit einem gewissen Sinn für Unordnung. Gemachte Betten? Braucht kein Mensch.

 

Vor ein paar Monaten sprach ich mit einer Freundin darüber. Ich erzählte, im vollen Genuß meiner Freiheit und Unabhängigkeit, meiner Unkonventionalität und überhaupt, dass ich ja nie Betten machen würde, nur lüften, ansonsten sei mir das egal. Sie schaute etwas betroffen und sagte dann, mit einem fast ein wenig verträumten Blick: "Ach, das könnte ich nicht. Ich mache die Betten immer und wenn ich da abends reinschlüpfe, in so ein herrlich gemachtes Bett, dann ist das so ein wunderbares Gefühl."

 

Mir stand nahezu der Mund offen. 19 Jahre lang hatten meine Eltern versucht, mir Bettenmachen mitzugeben und es tut mir leid zu bekennen, dass sie damit vollständig gescheitert sind. Und nochmal 19 Jahre später schafft es meine Freundin mit einem einzigen Satz...

 

Und die Moral von der Geschicht'? Vergiss beim Weitergeben die Liebe nicht... 

 

Ich mache seit dem Gespräch alle Betten hier im Haus. Auch die meiner Kinder. Und tatsächlich empfinde ich jedes Mal ein kleines bisschen Vorfreude, wenn ich mir vorstelle, dass sie sich heute Abend freuen, in ihr liebevoll gemachtes Bett zu schlüpfen. Ich empfinde es sogar als Privileg, dass ich das für sie machen darf, dass ich auch auf diesem Weg meine Liebe und Fürsorge für sie ausdrücken kann. Und das ist es, was ich an meine Kinder weitergeben möchte: Das gemachte Betten eine Botschaft von Liebe, Fürsorge und Geborgenheit sein können und dass es darum Freude machen kann, Decken glatt zu streichen. Dass Ordnung ein Weg für Geborgenheit und Sicherheit sein kann.

 

Ich habe meinen Kindern erzählt, wie schön ich es finde, wenn Schuhe im Regal und Jacken am Haken hängen, weil es mir gefällt durch den ordentlichen Flur ins Haus zu kommen. Ich habe ihnen mit einem Lächeln gesagt, dass es mir Spaß macht, mit ihnen zusammen zu wohnen und ich mich freue, wenn wir den Tisch gemeinsam abräumen. Ich habe mit ihnen darüber geredet, dass ich mich manchmal überfordert fühle und es mir besser geht, wenn ich Unterstützung bekomme. Und nun ist es ganz oft aufgeräumt im Flur, und es ist ganz oft keine Bitte nötig, damit wir gemeinsam den Tisch abräumen und immer mal wieder kommt mein Jüngster zu mir, erzählt mir, was er gerade selber gemacht hat, so dass ich das nicht zu machen brauchte und so Hilfe von ihm habe. Ich kann nur sagen: Das fühlt sich ganz schön gut an :)

 

Meine Einladung heute für dich: Überlege dir, was der schöne Grund ist, warum du etwas machst oder möchtest (und wenn du keinen findet, lass es bleiben). Und gebe den dann an deine Kinder weiter. "Ich möchte hier aufräumen, weil ich es so gern habe, wenn es hier ordentlich ist. Ich freue mich dann immer darüber, wie schön wir es hier haben." - "Ich mag es, wenn wir abends deine Spielsachen zurücklegen und der Boden frei ist. Ich sehe dich gerne spielen und denke, dass du das besser kannst, wenn Du viel Platz dafür hast. Denkst Du das auch?" - "Würdest Du das Plastik von deinem Lolli mit nach Hause nehmen und dort in den Mülleimer werfen? Mir ist die Natur wichtig und ich fände es schön, wenn wir beitragen, dass es ihr gut geht." - "Ich finde es schade, wenn ihr euch gegenseitig verspottet. Ich mag Respekt und Freundlichkeit. Wärt ihr bereit, die Schimpfwörter wegzulassen?"

 

Finde die Schönheit in deinem Tun und dann lade die Menschen um dich herum ein, sich an den schönen Dingen in deinem Leben zu beteiligen. Jeder, groß oder klein, trägt gerne bei, solange es freiwillig ist. Und es fällt noch leichter, wenn man versteht, was das Schöne für dich daran ist ...

Kommentare: 2
  • #2

    Lele (Dienstag, 30 April 2019 11:29)

    Eine sehr berührende Geschichte, die viele bestimmt auch aus dem Elternhaus so kennen, ich glaube das "man" hat viel zu viel Raum bekommen in unserer Zeit und es wird langsam Zeit wieder mehr Gefühle zeigen zu dürfen und auch darüber zu sprechen. Oft ist leider tatsächlich nur das negative auffällig und wird betont. Wie häufig auch beim Kochen, es wird oft nur erwähnt, was nicht schmeckt und das "Gute" wird oft so selbstverständlich hingenommen, aber nie erwähnt. Sehr schade. Zeit es zu ändern. Danke für die vielen "kleinen" Beispiele, die "Grosses" bewirken können und bestimmt auch werden,...... auf gehts :-)

  • #1

    Friedrich (Freitag, 22 März 2019 14:41)

    Schöne Seite!
    DAs erfüllt mein Herz mit Freude :)