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Tränen aus dem Rucksack

Ich lese gerade das Buch "Der emotionale Rucksack" von Vivian Dittmar. Es ist nicht das erste Buch, das ich von ihr lese. Und genau wie die anderen Bücher, die ich von ihr gelesen habe, kann ich auch dieses hier nur uneingeschränkt empfehlen. Was für ein Schatz. Neben vielem Anderen hat Vivian Dittmar schon im ersten Drittel des Buches etwas erklärt, dass mich schon lange begleitet, dem ich oft hilflos gegenüber stehe, manchmal sogar ablehnend, und dem ich auch bei anderen Menschen immer wieder begegne. Und deren Ablehnung dagegen ist oft noch größer als meine.

 

Ich meine das Phänomen, dass jemand in einer Unterhaltung einen Satz zu mir sagt, z.B. "Und wie geht es dir?" oder "Das klingt ziemlich anstrengend/aufregend." - und ich breche in Tränen aus. Von jetzt auf gleich, einfach so. Manchmal braucht es nicht mal die Frage, manchmal reicht sogar ein Blick und es geht los: Ich fühle mich butterweich und kann vor Wasser in den Augen kurz nichts sehen. Im ersten Moment bin ich oft erschrocken. Ich spüre einen Knoten im Hals, einen Schmerz, ungeheure Traurigkeit und fühle mich hilflos. Mir fehlt das Verstehen, was da gerade so plötzlich passiert - denn ganz ehrlich, zwei Minuten vorher war ich Mrs. "Kein-Problem, das Leben läuft, ich mittendrin, alles tiptop", und zwar mit Überzeugung. Ich habe ein, zwei Leute in meinem Bekanntenkreis, da reicht tatsächlich das freundliche, zugewandte Hallo, um diese Reaktion hervorzurufen. Und wenn ich zu meinem Osteopathen gehe, genügt es inzwischen sogar, den Raum zu betreten und ich bin in Tränen aufgelöst.

 

Bisher lautete mein Erklärungsversuch oft ungefähr so: "Du denkst eben immer nur, dass es alles läuft, Du verdrängst da was, siehste! Das ist so nah an der Oberfläche, aber Du willst es ja nicht wahrhaben. Du machst dir was vor, wenn Du glaubst....." usw. Davor gerne noch ein Potpourri aus: "Was ist denn mit dir plötzlich los?? Wie peinlich! Das geht ja wohl gar nicht! Reiß Dich mal zusammen! Du mutest dich hier ungefragt jemandem zu!", was meinem Wolf dann alles so einfällt. Unschön, verunsichernd. 

 

Dank Vivian Dittmars Buches habe ich nun jedoch für mich gelernt, dass es mitnichten eine Illusion sein muss, mit seinem Leben, wie es zur Zeit ist, zufrieden zu sein und den Eindruck zu haben, das vieles gut läuft, wenn man gleichzeitig in der Lage ist, das Heulendes-Elend-Stadium in 1,2 Sekunden zu erreichen. Das, was sich in so einem Moment Bahn bricht, ist nicht unbedingt ein Ausdruck der momentanen Lage, und es ist auch ganz gewiss nicht ein Zeichen dafür, dass ich mein Leben nicht "im Griff" habe. Es ist oftmals nicht mehr und nicht weniger als ein Stück Gepäck aus unserem "emotionalen Rucksack". Dieser ist unser Aufbewahrungsort für all die Ereignisse und Erlebnisse, die wir im Moment ihres Geschehens nicht verarbeiten konnten, da sie zu groß für uns waren, wir vlt nicht die Unterstützung hatten, die wir gebraucht hätten, Handeln um zu Überleben wichtiger war, eine andere Reaktion als das Ausleben des Gefühls in diesem Moment für uns höher priorisiert war, o. Ä. 

 

Diese Erfahrungen sind in unserem Rucksack aufbewahrt, für einen späteren Zeitpunkt, in dem uns die Ressourcen zur Verfügung stehen, die wir brauchen, um mit ihnen umgehen zu können. In den allermeisten Fällen geht es darum, dass es für uns allein zuviel war und es wichtig ist, jemanden um uns zu haben, der uns hört und bei uns ist, während wir die im Rucksack verstauten Emotionen fühlen und so verarbeiten und loslassen können. Es geht oft also einfach darum, jemanden zu haben, der einem zuhört, manchmal sogar nur kurz.

 

Wenn ich jedoch vor einem Menschen stehe, dessen emotionaler Rucksack ihm gerade ein Stück Ladung ausspuckt, höre ich häufig (wie von mir selbst auch): "Oh je, das tut mir leid, ich weiß auch nicht, was gerade los ist, ist gleich vorbei.". Die Tränen werden weggewischt, es bleibt ein bisschen Scham, Unsicherheit, vlt auch ein wenig Ärger, warum man sich nicht besser im Griff hat.

 

Dabei scheint unser Unterbewusstsein ein ziemlich genaues Gespür dafür zu haben, wann eine Person vor uns steht, die uns ein wenig von dem Raum geben kann, den wir brauchen.  Es stellt in so einem Moment die Emotionen ohne Umschweife zur Verfügung und wünscht viel Spaß beim Fühlen, Verarbeiten, Loslassen. Leider ohne einleitenden Satz oder mitgeschickte Karte... Mit dem Ergebnis, dass ich irritiert und verunsichert bin, mich schäme.

Und trotzdem. Wie oft bekomme ich als Reaktion mitnichten Irritation, Ärger oder Mißbilligung (wie es mein Wolf mir so glaubhaft prophezeit), wenn mir plötzlich Tränen in die Augen schießen, sondern erlebe stattdessen Mitgefühl, Wohlwollen und Annahme? Die Antwort lautet: Bis jetzt fast jedes Mal.

 

Wenn ich weine und etwas sage wie "Ich weiß auch nicht, ich bin gerade so traurig, müde, erschöpft, irgendwie ist gerade alles zuviel und ich kann nicht mal genau sagen, warum es mir gerade so geht." hat bis jetzt noch niemand mit "Stell dich nicht so an, und überhaupt, findest Du nicht, dass es unpassend ist für eine erwachsene Frau in aller Öffentlichkeit zu heulen?!" geantwortet. Ich bekam Mitgefühl, eine Umarmung, Trost, Unterstützung. Und in den allermeisten Fällen war es nach ein paar Minuten wieder viel besser und ein wenig wie frisch gewaschen. Und leichter.

 

Wie gesagt, das Unterbewusstsein hat meiner Meinung nach eine hohe Treffsicherheit in der Auswahl von geeigneten Leuten.

 

Wenn ihr also das nächste Mal mich oder einen anderen Menschen trefft, der auf einen freundlichen Satz von euch wie aus dem Nichts heraus mit Tränen reagiert: Sein Unterbewusstsein hat gerade einen ganzen Haufen Vertrauen in euch und gibt dem Menschen die Chance seinen Rucksack mit eurer Unterstützung ein bisschen leichter zu machen, und zwar in dem ihr einen Augenblick für ihn da seid. Nett, oder?

 

Und wenn ich euch frage "Wie geht es dir?" und ihr spürt, wie euch die Tränen in die Augen schießen - nur raus damit. Ich würde mich sehr freuen, dabei zu unterstützen, wenn ihr euren Rucksack ein bisschen leichter macht. Ich finde es großartig, wenn Leute sich um ihr Gepäck kümmern und so ihre Energien wieder frei bekommen für den Rest im Leben. Und wenn ich dazu beitragen kann: Gerne, jederzeit ;)

 

Ich möchte diesen Vorgang noch abgrenzen gegen die andere Art der Entladung eines Gepäckstücks im Rucksack: der explosionsartige, die ausgelöst wird durch einen äußeren Trigger, der eine hinreichende Ähnlichkeit mit der ursprünglichen Situation hat und noch ganz andere Qualitäten, Chancen und Risiken birgt. Und natürlich gibt es auch emotionale Gepäckstücke, für die mitfühlendes Zuhören für ein paar Minuten nicht unbedingt ausreicht. Das sind weitere große Bereich, mit denen sich Vivian Dittmar ausführlich beschäftigt und auch für diese kann ich ihr Buch nur empfehlen. Diese sollen aber nicht Bestandteil dieses Textes sein. Auch wenn ich an dieser Stelle noch meine Annahme teilen möchte, dass die explosionsartigen Entladungen tendenziell weniger werden, je öfter ich die Chance nutze, meinen Rucksack in einer annehmenden, unterstützten Situation ein wenig zu erleichtern... ;)

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