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Als ich mir mal zuhörte

Heute war es mal wieder soweit. Etwas war passiert. Jemand aus meinem Umfeld hatte etwas getan und ich war empört. Wirklich empört und zornig. Wütend. Angespannt wie eine Sprungfeder. Und.... ohnmächtig. Alles was mir zu tun einfiel, widersprach anderen Werten, die mir wichtig sind - nichts zu tun gleichzeitig unaushaltbar. 

Ich kenne diesen Zustand. Er schnürt mir den Hals zu, im Bauch brodelt es heiß. Wenn ich zu denken wage: "Naja, so schlimm ist es nun vielleicht auch nicht.", wird es nur schlimmer. Wenn mir nicht schnell etwas einfällt, das ich tun kann, kann ich ziemlich genau sagen, wie es weitergeht: Ich bleibe wütend und sauer, angespannt, gereizt, über Stunden, mit Pech ein paar Tage. Nicht jede Sekunde, aber sobald ich an die Situation denke, kommt die Wut zurück und mit ihr die Ohnmacht. Denn alle Maßnahmen, die mir in diesem Stadium einfallen, sind einfach nur von Rachegefühlen geprägt (so dass ich im Großen und Ganzen recht froh bin, dass ich mich daran hindere, sie auszuführen..).

 

Diesmal kam es anders. Ich beschloss, meinen Gedanken ganz genau zuzuhören, um zu verstehen, was es genau war, was so viel Spannung in mir auslöste. Ich lauschte einen Augenblick und da war sie - eine ziemlich leise, gleichzeitig ruhige und unerschütterliche Stimme, die fröhlich und gelassen sagte: "Man darf nicht wütend sein.". Als sei sie sich ihres Textes und ihrer Aufgabe bewusst und sicher einen sehr guten Job zu machen. Echt, sie wirkte nahezu selbstzufrieden!

 

Darüber war ich ziemlich überrascht. Also über die entspannte Selbstverständlichkeit, die mein Innerer/s Schweinehund/Elternteil/Kind da an den Tag legte. Mir wurde schnell klar, dass meine Anspannung tatsächlich dadurch ausgelöst wurde, dass ich (= ein unauffälliger, penetranter Teil meines Ichs) mir erzählte, dass ich gar nicht wütend sein dürfe, dass ich das gar nicht doof finden dürfe, was da passiert ist. Und das löste natürlich Widerstand in mir aus, denn neben der Tatsache, dass ich selbstverständlich was doof finden kann, was jemand tut, den ich mag, habe ich auch einen Teil, der "Ich-darf-alles" heißt und der vermutlich genau so alt ist wie der erstere. Und so komme ich ziemlich schnell in einen inneren Konflikt, den ich bisher nicht mal richtig wahrgenommen habe und der doch das eigentliche Problem ist ...

Lösung: "Äh, na klar darf ich was doof finden und über etwas wütend sein.". Und das war ich dann einfach mal, mit Leib und innerer Stimme ("Ich find das so bescheuert, ich bin so wütend!").

 

Und das war's. Das war alles. Ich konnte aufhören, mir hieb- und stichfeste Begründungen auszudenken, warum das aber doch auch objektiv betrachtet wirklich unmöglich war, oder warum es moralisch so daneben war, dass ich eben sehr wohl wütend sein dürfe. Um mich dann trotzdem innerlich dafür zu verurteilen und mir zu sagen, dass ich weiterhin nicht wütend sein dürfe. Ich habe mich stattdessen selbst angenommen in meiner Wut, so dass diesmal die Anspannung ganz schnell verflog. Ich habe mich nicht für meinen Ärger verurteilt, sondern ihm zugehört. Und das verkürzte die Zeit erheblich, die ich brauchte, um auf die dahinterliegenden Bedürfnisse zu kommen und mich auch mit denen anzunehmen...  

 

In diesem Falle ging es mir um Wertschätzung. Und ich dachte: "Ja, das ist mir echt wichtig. Mir ist Wertschätzung wichtig." Herrlich. Innere Ruhe und äußerlich sogar ein Lächeln und gleich darauf zum ersten Mal der Gedanke, dass das, was die andere Person beobachtbar getan hatte, eventuell rein gar nichts über die Wertschätzung sagt, die sie mir im Allgemeinen entgegenbringt? Und der Mensch vielleicht gute Gründe für sein Handeln hatte, die ebenfalls alle nicht mit mangelnder Wertschätzung mir gegenüber zu tun haben? Glaubte ich wirklich, dass diese Person mich nicht schätzt? Nee, glaubte ich nich.

 

Das war der Punkt, an dem ich wieder ins Vertrauen gehen konnte*, das die GFK einem schenken kann: Jeder tut zu jeder Zeit sein Bestes und jeder trägt gerne zum Leben eines anderen bei. Einzige Ausnahmen: Ein eigenes, wichtiges Bedürfnis hindert ihn und/oder es geschieht nicht freiwillig. Und: Es sind genug Ressourcen da für die Bedürfnisse aller. Ich kann Wertschätzung bekommen, auch wenn es hier gerade nicht funktioniert. Ich kann wieder gelassen sein, denn ich vertraue in die schönen Bedürfnisse und darin, dass ich für meine sorgen kann, jeder andere für seine sorgt und wir uns nach besten Kräften darin unterstützen.

 

Und wie ist mir das gelungen? Ich habe mal genau hingehört, was ich mir so erzähle und dann geprüft, ob das eigentlich (noch) so stimmt. Da die Antwort "Nein" lautete, habe ich mir bewusst gemacht, was mir denn (heute) tatsächlich wichtig ist: Vertrauen, die Haltung der GFK, Toleranz, Gelassenheit. Gegen die Handlungsmöglichkeiten, die sich daraus ergaben, sprach dann übrigens nichts mehr, die konnte ich mir von Herzen gönnen :)

 

 

 *Man kann ja nämlich nur empathisch jemanden betrachten, wenn man selbst gut versorgt ist, wissen wir ja alle schon, nicht wahr? Sonst gerne zum Beispiel hier nochmal nachlesen: Die Sauerstoffmaske

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